Physik, Positronen, Ehrgeiz, Forschung, Versuchsreihen

EHRGEIZ KOMMT VOR DEM FALL

Ein Team mit viel Ambitionen und zu Beginn meist wilde Ratespielchen, was der Patient denn nun haben könnte. Und ein mürrischer Arzt, der seinen Patienten oft nicht einmal zu Gesicht bekommt und schwerwiegende Krankheiten aus seinem Büro heraus diagnostiziert – anhand der Symptome, die auf einem Flipchart stehen. Dr. Gregory House, gespielt von Hugh Laurie, und sein Ärzteteam sind alle so ehrgeizig bei der Diagnose und Behandlung, dass Sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen oder eben Bäume, wo überhaupt gar keine sind. Und trotzdem: House ist berühmt und eine Koryphäe auf seinem Gebiet.

Ehrgeiz durchzieht das ganze Leben: Wirtschaftsunternehmen wollen den größten Umsatz machen, Sportler Weltrekorde erzielen, Banken den größten Gewinn machen. Auch die Physik ist – leider – auf diesem Weg.

Der Versuch einer Entdeckung

Die Gesellschaft für Schwerionenforschung darf sich rühmen, immerhin 6 der 118 bisher bekannten chemischen Elemente entdeckt zu haben. Diese großen Erfolge wurden erreicht, indem die Forscher in einem Beschleuniger mit Kernteilchen auf schwere Atomkerne schossen.

Dabei entstanden durch Verschmelzung die besagten neuen Kerne und sie konnten sogar auf die Entdeckung ganz neuer Elementarteilchen hoffen. Genau das schien sich 1983 anzubahnen: Hinweise darauf gaben kurzzeitig entstandene Positronen, Antiteilchen des Elektrons mit umgekehrter Ladung. Diese Elektron-Positron-Paare entstehen durch Erzeugung von Materie aus bloßer Energie nach der Einsteinschen Formel E = mc². Diese neuen Teilchen hoffte das Forschungsteam nun mit sogenannten „Positronenlinien“ nachzuweisen, weshalb darauf nun alle Anstrengungen konzentriert wurden.

Kurzfristiger Ruhm

Mit Erfolg. Man fand die Linien mit einer Signifikanz, die über 99,9999 Prozent Wahrscheinlichkeit entsprach, so dass das Phänomen praktisch kein Zufall mehr sein konnte.

Die Theoretiker waren elektrisiert. Der Nachweis der Positronenlinien wäre sensationell und ein Kandidat für den Nobelpreis gewesen, von dem der Forschungsgruppenleiter, Autor eines ganzen Regalmeters von Lehrbüchern, bald träumte. Nach wie vor zeigte sich das Experiment jedoch kapriziös. In manchen Zusammenstößen waren die rätselhaften Signale einfach nicht zu sehen, was man auf ein ‚schlechtes Target‘ zurückführte, also auf einen unter Beschuss genommenen Atomkern, der irgendwie nicht so wollte. Solche Erklärungen häuften sich.

Ein neuer Direktor gab der Gruppe schließlich ein halbes Jahr Zeit, um die Sache endgültig zu klären. Aber mit einem verbesserten Versuchsaufbau war plötzlich gar nichts mehr zu sehen. Die Seifenblase war endgültig geplatzt.

Blickverengung durch zu viel Ehrgeiz

Berufsrisiko der Wissenschaft, könnten Sie jetzt sagen. Das mag sein. Ich denke jedoch, der Ehrgeiz war schuld. Und auch der Philosoph Ludwig Wittgenstein sah das wohl ähnlich mit seinem boshaften, aber sehr wahren Zitat: Ehrgeiz ist der Tod des Denkens.

Nun möchte ich der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt nicht unterstellen, dass sie 1983 Ratespielchen betrieb oder zu ehrgeizig war. Das muss man als Wissenschaftler schon auch sein, um Erfolge zu erzielen. Doch die ersten Hinweise machten die Forscher so euphorisch, dass sie in immer kleineren Teilmengen der Daten suchten. Diese waren als interessant ausgewählt worden, eben weil man dort das neue Phänomen sah.

Aber im Ergebnis war es leider eine gruppendynamisch verstärkte Selbsttäuschung. Zehn Jahre Forschungsarbeit umsonst. Eine entsprechende Katerstimmung machte sich breit.

Ob Dr. House oder Physik – wenn Sie vermeintlich interessante Daten herausfiltern, können Sie Effekte beeinflussen, aber eben auch Artefakte verstärken. Und sich damit selbst foppen. Also Vorsicht beim allzu ehrgeizigen „Herumdoktern“ an wissenschaftlichen Versuchsreihen …

4 Gedanken zu „EHRGEIZ KOMMT VOR DEM FALL“

  1. Sehr geehrter Herr Unzicker,

    mit Interesse verfolge ich Ihre Beiträge bei Twitter.
    Hindernis zum Verständnis der Natur.
    Astrophysik und Teilchenphysik mit ihren Theorien der Allgemeinen Relativitätstheorie, Quantenmechanik und Stringtheorie sind sehr spannende Themen. Schließlich geht es auch darum, zu erfahren, wie die Natur funktioniert.
    Mathematik ist die Sprache der Natur und auf dem Wege der mathematischen Interpretation kann man die Natur verstehen, lt. Wissenschaftler.
    Damit wären die Wissenschaftler wie die Priester Vermittler zwischen dem Menschen und der Wahrheit. Zumindest bediente sich die Kirche lange Zeit der lateinischen Sprache und die Wissenschaft bedient sich der höheren Mathematik, die nur ein kleiner Teil der Bevölkerung versteht. (Esoterik?)
    Die Naturwissenschaft ist dermaßen genormt, daß sie keine alternativen Interpretationen der Vorgänge im Universum zulässt. Somit bleibt vielen nur die Möglichkeit, den Weg in die erkenntnistheoretische Sackgasse, in der sich die Physik befindet, zu folgen.
    Es gibt drei Möglichkeiten:
    Die bestehenden Theorien weiterzuentwickeln, sie zu ändern oder eine neue Theorie zu entwickeln.
    Neue und alternative Theorien werden mit dem Argument abgeschmettert, das es nur eine Physik (also ART und QM) gibt. Und die Stringtheorie ist die am weitesten entwickelte Theorie, die sich dieser “einen Physik” bedient.
    Die Physik bedient sich Anomalien, Postulate, Annahmen, Naturkonstanten, Symmetriebrechungen, Parameter, spektrale Energielücken, Verletzung des Prinzips der Energieerhaltung, Bruch in der Kausalkette und freie Parameter.
    Ergebnisse sind Schwarze Löcher, mal mit Singularität mal ohne Singularität, gekörnte Raum-Zeit, Paralleluniversen, Extra-Raum-Dimensionen, Möglichkeit von Zeit-Reisen, Raum-Zeit-Krümmung, Warpantrieb, Dunkle Materie, Dunkle Energie, neuerdings Hinweise auf eine fünfte Kraft, Higgsteilchen und Higgsfeld, supersymmetrische Teilchen, beschleunigt expandierende Raum-Zeit, Inflationstheorie. Hab ich Urknall schon erwähnt? Die Ergebnisse sind alle exakt mathematisch hergeleitet.
    Ist die Mathematik nun die Sprache der Natur, oder ist die Mathematik ein perfektes Werkzeug für die Theorie, in der sie angewendet wird, in Abhängigkeit von den Definitionen einer Theorie? Allerdings führen andere Theorien mit anderen Definitionen zu anderen Ergebnissen.

    1. Hallo,

      ich würde nicht sagen, dass all diese Dinge hergeleitet sind. Man hat eine Reihe von Beobachtungen, und das Ziel ist, diese in einem wirklich guten – wahrscheinlich einfachen Modell zu verstehen. Das darf auch mathematisch anspruchsvoll sein. Sie finden meine Sicht dazu in Kap. 11 von „Einsteins verlorener Schlüssel“

  2. Hallo Hallo,
    schon Newton wusste dass Pendel in Äquatornähe ein anderes Schwingungsverhalten aufweisen und die Pendellänge zu kürzen ist, um die Tageszeit einzuhalten. Anhand dieses Phänomens schloss er auf die Ellipsoidform der Erde.
    Mich wundert, daß es zur Lichtgeschwindigkeit seit 1973, kurz nach der ersten Mondlandung keine Untersuchungen mehr gibt.
    Seitdem wird Meter und Sekunde hin und her definiert.
    Diese für Astronomische Betrachtungen so wichtige Einheit wurde auf einen Meter genau „exaktiert“.
    Wie schon einmal erwähnt, würde mich das Resultat eines modifizierten Michelson Morley Versuchs, der den Lichtstrahl in einer quadratischen Versuchsanordnung einmal in der Horizontalen und dann in die Vertikale gedreht, am Ende der Diagonalen untersucht, interessieren.
    Mit freundlichem Gruß Uwe Kraft

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